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Aufruf zum totalen Streik oder digital ist besser!

Dezember 19, 2009 3 Kommentare

Ein neues Tocotronic-Album steht unmittelbar bevor. In wilder Werbemanie haben sie seit gestern die Videopremiere das Stück „mach es nicht selbst“ hinter sich gebracht. Das Lied und der Anfang des Videos erinnern an Maximo Parks „The Kids are sick again“. Die Grammatik erinnert so wie es auf tocotronix.de steht, an „When the saints go marching in“. Den meisten Fanatiker_innen geht es zwar auch um die Musik, doch zumeist interessanter wird es bei den Textkreationen von dem Ex- oder auch Pseudogermanisten Dirk von Lowtzow und deren Interpretationen.

„Mach alles selbst“ heißt es nicht, sonder „mach es nicht selbst“. Ein moralischer Imperativ, seine Wünsche sind Befehl, nun in der richtigen Form gewählt. Am Ende hin wird sogar die (imaginierte) Gruppe die Empfängerin, der Befehle. Klassisch ist die Verweigerungshaltung gegen dies und das, in diesem Fall etwas auf den ersten Blick ungefährliches und augenscheinlich positiv konnotiertes: Heimwerkerei! Auf den zweiten Blick, und das zeigt auch der Biber, entstehen in Privathaushalten sehr vieleUnfälle (und hier), zum Beispiel wenn Laien etwas bauen und „selbst machen“ wollen. Neben der Trivialen  Bedeutung des „do it yourself“ im Handwerk von Baumärkten und die neuerliche Überschüttung dieser Doku-Soaps im Fernsehen, hat diese Art der Betätigung weitere Bedeutungen.

Die Kernbotschaft vermute ich hier: „Heim und Netz/Werkerei“. Sie ergibt erst dann Sinn, wenn mann_frau sich die digitalen Aspekte der Freizeitgestaltung einbezieht: Youtube, Facebook(Tocotronic ist seit kurzem dabei 9. November die erste Meldung in ihrer Gruppe). Internet und Web 2.0 ist eines der großen Themen, die Tocotronic mit diesem Lied anspricht.

Aus Heim und Netz wird das Nationalsozialistische Wort Heimatnetz, das wieder ins englische übersetzt genau Internet bedeutet. Netzwerkerei, ist das was auf Facebook, aber auch auf Youtube und anderen Plattformen passiert. Und klarerweise nimmt Tocotronic einen eher elitären Standpunkt ein(passend zum Konzept), gegen die Gratiskultur. Dies auszuführen, soll aber nicht hier bearbeitet werden, wurde doch genug bereits darüber von (unter)bezahlten Journalist_innen und zumeist unbezahlten Blogger_innen produziert – um hier nur das herausragendste Beispiel anzusprechen.

Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man „was du auch machst, mach es nicht selbst“, wenn man sie um eine weitere Bedeutungsdimension erhöht, wie die bei allen Paradoxien üblich ist. Nahe liegend ist das Schema der Kopie: Man kann nichts selbst machen, weil es immer kopiert, oder imitiert ist. Liegt aber wenn man die anderen Textstücke versucht in diesem Kontext zu bringen nicht nahe. Oder der Aufruf zur Faulheit, passend zum Selbstbezug der Refrains. Wobei, das ist die Übliche Interpretation. So dreist zu sein, das klassische Thema Tocotronics anzulegen, das sich quer durch alle Alben zieht, liegt näher, als wieder nur von Faulheit zu sprechen! Es geht um Globalisierung, Destrukturierung und Gratis-Arbeit! Um Neoliberalismus und Kapitalismus. Kein Aufruf zur Faulheit, sondern ein Aufruf zum Streik. Dass, Arbeit gratis wird, dass bezahlte Arbeit in die unbezahlte Freizeit verschwindet, dass Arbeitsplätze vernichtet werden, und so weiter…

Zum Nachdenken bringt ja die Ambivalenz, dass der neoliberale Marktgedanke fordert, dass alles über den Markt zu erstehen sei. Bei Facebook und der Internetkultur stimmt das: Dort wird ein Markt simuliert, der plötzlich auch noch gratis sein soll. Aber Heimwerken: Dort verschwindet die bezahlte Arbeit, die seit Jahren ja weniger zu werden scheint. Im wahrsten Sinne beängstigend! Merkwürdig wäre, dass eine gegenteilige Aufforderung von George Bush nach 09/11 propagiert wurde: „Geht einkaufen“. Konsum als Folge? Der Unterschied wird wohl in der Professionalität der Arbeit und der Brauchbarkeit bzw. Notwendigkeit zum Einkauf eines Produkts liegen. Ähnlich wie beim „Do-it-yourself“ Web 2.0, wo es eben um geistiges Eigentum geht. Plötzlich jedoch wieder im Sinne des Neoliberalismus, der Preise für die Innovation einführen will und die Seite der Kritiker_innen die die geistigen Produkte kostenlos beansprucht.

Abschließend bleibt zu sagen, dass diese Ambivalenz nicht die Tocotronsche ist, sondern in einer hochgradig verkapitalisierten Welt: Arbeit macht eben frei! Leider habe ich, um es mit Funny van Dannen zu sagen, einen Arbeitsplatz vernichtet

Burkaverbot im linken Diskurs

Die Diskussion um das Burkaverbot spaltet die linke Seite der Macht, während die Rechte geeint sich für ein Verbot ausspricht. Die Diskussion in der Linken dreht sich um widersprechende Werte, wie Freiheit auf persönliche Religionsausübung contra Unterdrückung(oder Frauenrechte). Bei der gesellschaftlichen Irrelevanz dieses Themas, weil es wenige burkatragende Frauen gibt, sollte diese Frage eher als grundlegende Wertfrage aufgefasst werden. Die konkrete Frage ist: Wie viel Toleranz(Liberalismus) muss man_frau traditionellen kulturellen Praktiken entgegenbringen, die den Grundrechten zuwiderläuft, auf den sich der politische Liberalismus beruft? Dieses Paradoxon beschwört hinauf, dass sich manche Linke für ein Verbot, manche gegen ein Verbot aussprechen. Beide im Willen eine tolerantere und gleichberechtigtere Gesellschaft zu ermöglichen.

So kann es passieren, dass die Öffentlichkeit sich das Bild einer zerrissenen Linken macht. Selbst kann man_frau nun die eigene Position als links bezeichnen, und die anderen als nicht links, pseudolinks oder Ähnliches bezeichnen. Entweder sie stellen sich und ihre Meinung über die Meinung der Anderen: „Verbot ist Freiheitsberaubung und wird geschlossen von Rechten verlangt und ist demnach nicht links“ gegen „Wer bei solchen Frauenrechtsverletzungen zusieht ist nicht links“. In der ersten Version geht man_frau von der Annahme aus, dass die Ersetzung des Verbots durch das vormalige Gebot „Burka tagen“ der muslimischen Männer genauso wenig Freiheit bedeuten würde, in der zweiten liegt die Annahme, dass Frauenrechte gestärkt werden. Beide Seiten müssen sich aber diskursiv mit diesem Thema auseinandersetzen, um zu ergründen, was links sei, oder ob beide Positionen innerhalb der Linken Geltungsanspruch haben.

Der Soziologe Anthony Giddens betont, dass die moderne europäische Sozialdemokratie die wohlfahrtsstaatliche „Tradition“ verteidigt. Deshalb ist sie laut Giddens konservativ geworden, weil sie etablierte Staatsfunktionen zumeist gegen neoliberale „Modernisierung“ oder „Restauration“(je nach dem wie man_frau zum Neoliberalismus steht) schützt. Das Gleiche gilt für aufklärerische Werte, die „verteidigt“ werden müssen. So kommt es, dass Rechte und Linke der gleichen Auffassung kommen, weil sie etwas für sie „Gutes“ Schützen müssen. Die einen die „christlich-abendländische“ Tradition, die anderen Grundrechte einer „aufklärerisch-liberalen“ Gesellschaft.

Ein weiterer Knackpunkt ist die Einschränkung des öffentlichen Lebens und antiemanzipatorische Symbolik der Burka: „Es ist dies eine Bekleidungskonvention, die Frauen (und nur Frauen) de facto von der gleichberechtigten Teilhabe am Arbeitsleben und sonstigen Bereichen des öffentlichen Lebens ausschließt.“(Thomas Barmüller und Silvia Ulrich aus dem Standard vom 8.12.2009) Doch nicht nur die Bekleidungskonvention schließt sie von der gesellschaftlichen Teilhabe aus, sondern das gesamte soziale Korsett, in dem Religion selbst nur ein Teilbereich ist. So gehört z.B. auch die gesellschaftliche Einbettung berücksichtigt, wie die Anzahl und Zusammensetzung der sozialen Kontakte, sowie Bildung und deren Zugang für die muslimische Frau. Leider verwechseln viele Menschen Religion mit Kultur und ethnisieren den Islam und die damit einhergehende Geschlechterdebatte. Der Islam ist in ihren Augen nicht nur Religion, er ist Symbol für Rückständigkeit, Symbol für Frauenfeindlichkeit und vor allem Symbol für das „böse“, illiberale Ausland. Weil gerade die Aufklärung eine prinzipiell kritische Ansicht gegenüber Religion hat, ist es wichtig zu zeigen, dass hier weit mehr im Spiel ist, als Religion, und man_frau damit den Prinzipien der Aufklärung nicht widerspricht, wer gegen ein Burkaverbot ist.

Frauen werden nicht gleichberechtigt werden und auf den Arbeitsmarkt drängen, wenn sie die Bukra ablegen müssen, denn sie werden nicht solch einen Status bekommen wie „Schaffner“, „Wiener Ober“ oder „Bankmitarbeiter im Schalterdienst“, wie der oben genannte Artikel aus einer Allegorie heraus suggeriert, sondern höchstens Prostituierte, Reinigungskraft oder eine andere Hilfsarbeitskraft sein. Die Burka als alleiniges Ungleichbehandlungsinstrument im Leben einer Frau ist äußerst unwahrscheinlich.

Viel wahrscheinlicher ist aber noch, dass Burkaträgerinnen ganz zuhause bleiben werden, weil es einerseits der Mann so verlangt, andererseits sie selbst nicht will, da es ihren kulturell angelernten Konvention entspricht, nur mit Burka außer Haus zu gehen. Damit wäre der Teilnahme am „öffentlichen Leben“ aber noch weiter eingeschränkt als ohne Burkaverbot und es kann angezweifelt werden, ob sie sich jemals mit aufklärerischen Ideen anfreunden kann. So wird die für uns sexistische Praxis jedenfalls nicht verschwinden.

Die Frage ist auch, ob Burkas überhaupt aus dem Öffentlichkeit verschwinden müssen, wenn sich eine Frau dazu bewusst entscheidet. Denn unter dieser Voraussetzung wäre das kein Eingriff in ihre bürgerlichen Rechte oder keine Unterdrückung der Frau, auch wenn sich dies empirisch schwer nachweisen lässt. Eine Burkaträgerin selbst in etablierten Medien zu Wort kommen zu lassen, wäre eine weitaus gelungenere Ausweitung der Teilhabe am öffentlichen Leben für Musliminnen, als generell irgendeine „Tradition“ schützen zu wollen. Muslime sind in Österreich(gegenüber dem Staat) immer in der schwächeren Position, so dass ihnen eher das Recht erhalten bleiben sollte, ihre „Tradition“ zu schützen, als der Staatsgewalt und einer Bevölkerung wovon es einem Teil auch gegen Ausländer_innen im Allgemeinen geht. Hier könnte Österreich Vorbildwirkung für Muslim_innen zeigen, wie Toleranz funktioniert.

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