Bourdieu, Giddens, Beck und der Neoliberalismus
Pierre Bourdieu, Soziologie und großartiger Intellektueller war eine herausragende Persönlichkeit. In einem Hundertseelendorf geboren, konnte er sich als Bauerssohn und Arbeiter_innenkind zu einem der bedeutensten Intellektuellen Frankreich hinaufarbeiten. Seine meistens empirisch angelegten Arbeiten haben vieles im Bildungssystem aufgeklärt. Sein kritischer Blick vermochte es, dass Bildungssystem als das zu entlarven was ist: Reproduktionsmaschinerie der Reichen und Wohlhabenden. Sein wichtigstes Werk war „Die feinen Unterschiede“, wo er neben der Klasse verschiedene Lebensstile herausdestillierte.
In diesem Blog-Eintrag soll es aber vor allem um seine politische Tätigkeit gehen. Der frühe Bourdieu hielt viel von der Werturteilsfreiheit und war hauptsächlich Wissenschaftler. Der späte Bourdieu politisierte sich – ausschlaggebender Grund war seine Studie „Das Elend der Welt“, eine Studie über den Verfall der Vororte, der Banlieues. Dabei sah er die verheerenden Folgen des Neoliberalismus und der parallele Verfall des Wohlfahrtsstaats. Bourdieu hatte zu dieser Zeit schon genügend Renomee, dass er sich politisieren konnte. Er war maßgeblich an der Kreation der globalisierungskritischen Attac beteiligt. Er verfasste zwei Bände Namens „Gegenfeuer“, die die neoliberale Hegemonie kritisierten.
So wurde Bourdieu zum Held der Linken. Dabei kritisierte er einen Soziologen, der seiner Meinung nach den Neoliberalismus bedienten. Dabei handelt es sich um Ulrich Beck, den Bourdieu das „Trojanisches Pferd des Neoliberalismus“(Gegenfeuer) bezeichnete. Das machte er deshalb, weil das Demokratie-Konzept von Beck, einen rationalen Menschen implizierte und dass es seines Erachtens unausweichlich wäre, dass der Sozialstaat schwächer werde. Seine Theorie, dass die Sozialdemokratie momentan so schwächele, weil sie so erfolgreich gewesen war vieles durchzusetzen: z.B. die 8-Stunden-Woche. Deswegen werde nun die Sozialdemokratie konservativ und muss ihre Errungenschaften verteidigen. Beck eignet sich aus diesem und einigen anderen Gründen hervorragend den Neoliberalismus zu huldigen.
Auch Anthony Giddens hat eine sehr ähnliche Theorie vertreten – er war der politische Ziehvater des Dritten Weges, der die europäische Sozialdemokratie aus der Krise hätte führen sollen. Nachdem die Sowjetunion zerbröselt war, schlitterte auch die Sozialdemokratie in die Krise. Fukuyama postulierte mit seinem Buch „Das Ende der Geschichte“, dass die Welt unweigerlich demokratisch und kapitalistisch werde. There is no alternative(TINA). Der Kommunismus ist gescheitert. Und nach Hajek ist soziale Gerechtigkeit das trojanische Pferd des (sozialistischen und kommunistischen) Totalitarismus. Deswegen versuchte Giddens (und viele Andere) ein Konzept zu finden, wie die Linke wieder an Reputation gewinnen konnte. Seine Sozialtheorie selbst hatte auch den dritten Weg zwischen Handlungstheorie und Strukturalismus gefunden – die Theorie der Strukurierung (Struktur entsteht, weil Handlungen sich wiederholen – Struktur existiert nicht als „soziale Tatsache“, sondern wird von Menschen aktiv aufrechterhalten). Wie auch Bourdieu hat sich auch Giddens später dem Politischen zugewannt.
Seine Lösung kann als weithin gescheitert gelten, aber anders als weithin angenommen, war sein Lösungsversuch nicht pragmatisch. Werner Faymann ist solch ein pragmatischer Politiker, ohne Konzept und Idee, anders als Gusenbauer, der ideologisch den dritten Weg gehen wollte. Der dritte Weg(neue Mitte, New Labour, etc.) war ein weiterer Versuch konservative und progressive Politik zu verbinden und das beste für alle Menschen herauszuholen. Dieses enorme Zugeständnis an die Konservativen, war auch ein Zugeständnis an den Neoliberalismus(die vorherrschende Ideologie der Konservativen). Damit war der Konsens zwischen Links und Rechts auch ein Konsens zum Neoliberalismus.
Bourdieu hat das erkannt und kritisiert. Das deswegen Giddens oder Beck keine oder schlechte Soziologen seien, stimmt bei weitem nicht. Bourdieu hätte viel von seiner Reputation verloren, hätte er gesagt, sie seien keine Soziologen. Beide, Giddens(Strukturierungstheorie, Machttheorie) und Beck(Modernisierungsforschung, Globalisierung) haben wichtige soziologische Beiträge geliefert und sind nicht umsonst sehr bekannt. Wobei bei Beck hinzugefügt werden muss, dass er der Wissenschaftler ist, der weniger geleistet hat. Was meistens jedoch von anderen Soziolog_innen kritisiert wird, ist, dass Beck und Giddens pseudowissenschaftlich arbeiten. Dem kann man aber so vorbehaltlos sicher nicht zustimmen. Vor allem weil auch das spätere Werk von Bourdieu auch nicht mehr allen wissenschaftlichen Standards entspricht. Aber das ist eben der Preis, wenn man sich politisiert – die wissenschaftliche Genauigkeit geht verloren, und man macht sich für schärfere Kritik verwundbar. Das haben alle drei Autoren gemein.
