Der antifeministische Konsens in Österreich

Dieser Artikel sollte vor der Rektoratswahl online gehen, doch ich entschied nicht ihn nicht zu veröffentlichen, da ich glaubte, die FLUG hält sich an die Spielregeln, die sie bei den anderen Fraktionen vermisst. Dem ist nicht der Fall, wie die letzten Tage beweisen, deswegen ist es mir ein Anliegen die Wahrheit über diese Diffuse Fraktion ans Licht zu bringen

Feminismus ist nichts Böses. Es nicht darum, dass Frauen die Weltherrschaft an sich reißen, sondern dass Frauen bei gleichen Fähigkeiten gleich hoch in der Karriereleiter aufsteigen können und dass sie die gleichen Chancen haben wie Männer. Und vieles mehr was zur Chancengleicheit und Gleichstellung führt.

Er gibt auch nur mehr sehr wenige Menschen, die solche Forderungen ablehnen. Wie kann man schon dagegen sein, dass eine Frau, nur wegen ihrem Geschlecht nicht die Position erhält, die sie verdient. Meistens sind es irgendwelche Menschen(natürlich auch Frauen), die sich nicht hinreichend mit dem Thema beschäftigt haben oder die in Männerbünden vor sich hin tümmeln.

So weit, so gewöhnlich. In Österreich sind jedoch Frauen in Toppositionen äußerst rar gesäht – andere Staaten sind da viel weiter. Warum lässt sich an einem Beispiel in der Universitätsvertretung(UV) in Graz zeigen: Im Allgemeinen ist man ja für Gleichstellung, aber im Speziellen, wenn es ums Eingemachte geht, dann findet man eben irgendwelchen fadenscheinigen Gründe, warum man jetzt nicht für eine Maßnahme sein soll, die zu mehr Gleichstellung und Gleichberechtigung führen würde.

Das Feld UV eignet sich gut, weil hier eigentlich junge aufgeschlossene Menschen sind, deren Meinungen noch nicht einzementiert sind. Diese Menschen sind politisch interessiert und informiert – sozusagen eine Elite. Zur Erklärung der Situation: An der Uni Graz soll bald eine RektorIn gewählt werden. Momentan gibt es zu wenige Rektorinnen. Die gläserne Decke behindert sie. Die gläserne Decke soll eine Erklärung geben, warum Frauen nicht in die oberste Etage des Managements kommen – sie geht davon aus, dass Frauen eine unsichtbare Wand vor sich haben, die unüberwindbar scheint. So auch bei den Rektoratsstellen – es gibt momentan nur 2 Rektorinnen, die erst kürzlich gewählt wurden. Geben sollte es mindestens zehn.

So wurde in der UV diskutiert, ob sich die ÖH dafür aussprechen sollte, dass eine Frau als Rektorin empfohlen werden sollte. Dieser Antrag, den Natalie Ziermann einbrachte, wurde – überraschend für mich – mit 12 Stimmen abgelehnt. Stattdessen wurde ein Antrag bestätigt, der von einer Fraktion stammt, deren Meinungsführer häufig in solchen Männerbünden aktiv sind. Die rabenschwarze Aktionsgemeinschaft hat den Antrag eingebracht, dass nach Fähigkeiten gewählt werden muss, unabhängig vom Geschlecht.

Ist ja alles schön und gut, aber genau mit solchen Argumentationen kann man erklären warum es eine gläserne Decke gibt. Die Menschen, die in den Entscheidungsgremien behaupten, sie wählen die Person unabhängig von der Fähigkeit. Das ist so ähnlich, wenn man sagt Frauen sind in der Sprache eh mitgemeint. Aber was nicht schwarz auf weiß da steht, das kann man leider nicht kontrollieren – und wissen das auch die Menschen, die die Texte dann lesen – das theoretische Rüstzeug liefert hier der linguistic turn.

Gleich bei der Rektor_innenwahl. Welche Fähigkeiten man wie bewertet ist rein subjektiv, und was die einzelnen Menschen denken ist auch unklar. So können Männer dezidiert frauenfeindlich sein, aber sie argumentieren dann, dass sie nach der besten Qualifikation ausgehen. Wobei es schon ein Fortschritt ist, dass ein Mensch in hoher Position nicht sagen kann, Frauen seien von Haus aus unbegabter. Genau so würde jede_r argumentieren. Viele Frauen argumentieren auch, dass sie anfangs einer Quote kritisch gegenüberstanden, aber dann eben Phänomene wie die Gläserne Decke bemerkten – und dann auf einmal verstehen, warum es eine Quote gibt – aber auch die Quotendiskussion soll hier nicht geführt werden. Ziel dieses Artikels ist es, den antifeministischen Konsens in Österreich an einem konkreten Beispiel zu belegen.

Ich möchte nicht die Aktionsgemeinschaft bearbeiten – sie ist konservativ bis reaktionär – und hat ein eher traditionelles Frauenbild (Männer müssen mehr verdienen; wenn jemand den Haushalt führt, dann die Frau etc.). Hier soll es um eine Gruppe gehen, die sich als unpolitisch definiert, und sich selber in der politischen Mitte sieht, und jeweils die bessere Lösung von links oder rechts herausholt – sozusagen ein „dritter Weg“ (nach Hitler und Blair/Schröder ein weiterer noch dazu recht unbeholfener Versuch). Aber auch die Technokratiediskussion möchte ich nicht führen. Zum besseren Verständnis ist es hilfreich, die Diskussion verfolgt zu haben.

Die Zusammenfassung der Fachschaftslisten(FLUG): Eine Gruppe von Menschen, die ungefähr die studentische Mitte repräsentiert (die Diskussion von der sozialen Zusammensetzung liefert zwar ein wenig andere Ergebnisse, aber für diesen Artikel genügt diese Verallgemeinerung), die politisch informiert, engagiert, jung und gegenüber Veränderung indifferent bzw. gespalten sind. Und die in nur wenigen Teilbereichen extreme Wertvorstellungen haben. Die einzelne Akteure der Fraktion sind natürlich ganz unterschiedlich. Die eigentliche politische Position ist auch durch organisationelle Strukturen und Zufälle bestimmt, die die einzelnen Akteure in der Organisation natürlich kaum reflektieren können.

Diese Gruppe hat also mehrheitlich gegen die Willensbekundung, dass eine Frau eine Führungsposition übernehmen soll, gestimmt. Die Abstimmung in der UV war natürlich geheim, aber man konnte anhand der Reaktionen und der Wortmeldungen bestimmten, wie sie abstimmten. Redensführer_innen waren Stefan Thum und Anna Hutter, beides politische Asse der FLUG.

Ein Argument war, auch die BMin Beatrix Karl sei, eine Frau – und dies hieße nicht, nur weil sie eine Frau sein, dass sie automatisch die beste Option für die Studierenden sei. Leider ist dieser Vergleich an einem Punkt falsch: Nicht die Frau ist studierendenfeindlich, sondern die Partei – die ÖVP – es ist in diesem Sinne egal, ob eine Frau oder ein Mann am Minister_innenstuhl sitzt. Oder schlagwortartig – wenn ein Mann inkompetent ist, dann ist es etwas Persönliches, bei einer Frau ist es immer deswegen, weil sie eine Frau ist. Z.B. an dem Vorurteil, dass Frauen schlecht in Mathe seien, kann man das sehr schön an diesem Comic zeigen. Es werden einfach zwei verschiedene Maßstäbe genommen – Hahn war studierendenfeindlich, weil er bei der ÖVP ist. Karl ist studierendenfeindlich, obwohl sie eine Frau ist. Richtig wäre beides am Geschlecht festzumachen: als Hahn, weil/obwohl er ein Mann ist – aber da sieht man dann wie sinnlos diese Kategorie ist. Studierendenfreundlichkeit ist genauso ein Merkmal wie Qualifikation, das man beliebig drehen und wenden kann – es ist rein subjektiv. Man kann andere Gründe vorschieben. Natürlich, das ist ein grundsätzliches Problem in der demokratischen Entscheidungsprozessen(aber auch diese Diskussion soll nicht hier geführt werden).

Man dürfe eine Frau nicht bevorzugen, nur weil sie eine Frau sei. Männer benachteiligen, das geht nicht. Richtig, aber wie immer geht es um gleiche Qualifikation. Darüber kann man streiten. Deswegen sollte jede Personalentscheidung dringend reflektiert werden, inwieweit das Geschlecht eine Rolle spielt. Manchmal wundere ich mich selbst wie tief diese Vorurteile sitzen. So habe ich geglaubt, dass sich Frauen das Web 2.0 wesentlich langsamer aneignen als sie es tatsächlich taten. Sie können diese neuen Technologien aber gleich gut bedienen und nutzen sie auch gleichermaßen viel (danke Fuchsy, der mich auf diesen Fehler hingewiesen hat und nebenbei auch bei der FLUG ist). Die tatsächliche Benachteiligung liegt eher wieder im elitären bzw. oberen Bereich – dort sind wieder Männer in der Überzahl(wieder ist an die gläserne Decke zu denken). Ich habe aber indirekt den Frauen weniger zugetraut als Männern – und das obwohl ich mich für dieses Thema engagiere und interessiere. Da erscheint dann das Argument, Frauen sollten nicht bessergestellt werden, lächerlich. Selbst wenn einmal eine weniger qualifizierte Frau den Posten bekäme – man sollte auch das immer vermeiden – so ist das gegenteilige viel öfter der Fall – und wenn es eine Schiefe gibt, die allerdings einmal in Richtung Frau geht, dann kann man das verschmerzen. Gleichberechtigt ist dann, wenn die Fehlentscheidungen eine Quote von 50% haben. Da ist man weit entfernt: Deswegen ist das Argument unschlüssig vor einer Fehlentscheidung zu Gunsten Frauen zu warnen, mehr als zynisch. Relativierend ist zu sagen, dass Feminist_innen dies z.T. tun, aber die sind in Österreich in der Minderheit. Aber dazu später mehr.

Das Kernargument der FLUG war allerdings: Natalie Ziermann habe nicht die nötige Qualifikation zu entscheiden, ob eine Frau besser wäre, weil sie ist nicht Senatsmitglied und kennt nicht die detaillierten Unterlagen. Anders als die beiden anderen Hauptargumente, ist dieses kein Sachargument, sondern eine Personenargument. Man spricht die Eignung einer Person ab, in dem Fall durch Mangel an Information. Hier vor allem wieder Stefan Thum und Anna Hutter. Leider haben sie es verabsäumt – obwohl sie die Informationen offensichtlich hatten – diese darzulegen und zu zeigen, dass keine Frau studierendenfreundlich bzw. qualifiziert sei. Sie haben sogar versucht Natalie Ziermann aus der Reserve zu locken – nämlich unterstellten sie ihr, dass sie die Informationen widerrechtlich durch Cengiz Kulac angeeignet habe, weil diese vertraulich seien. Durch diese Unterstellung konnte die FLUG wesentlich leichter ihr Argument vorantreiben, dass Natalie nicht die nötige Kompetenz habe. Im klassischen Sinne eine Diskreditierung vom politischen Gegner bzw. in diesem Fall von einer Feministin. Es ist bezeichnend, dass dieses Argument und nicht die inhaltlichen gewählt wurden. Die Streitpunkte waren andere – es ging nie um dieses Wissen – aber der Punkt war sozusagen ein einfacher Schwachpunkt. Damit wurde die Diskussion banalisiert. Mit ähnlichen Argumenten kann man natürlich auch eine Rektoratsanwärterin ausschalten – man sucht sich einen schwachen Punkt und entzieht ihr damit die gesamte Kompetenz. Wichtig ist, dass dieser Punkt gesucht wurde. Im schlimmsten Fall gibt es auch bei der Rektoratswahl ähnliche Mechanismen. Welche Interessen bei der FLUG nun wirklich dahinterstecken, ist natürlich schwer zu rekonstruieren, jedoch legt dieses letzte verwendete Argument ein dahinter liegendes Interesse nahe. Sonst hätten sie eher auf dieses letzte Argument verzichtet, aber es war meines Erachtens ihr Hauptargument. Doch soll es nicht um politischen Kindergarten gehen oder um Partikularinteressen, sondern es soll dokumentiert werden, wie zufällige oder scheinbar zufällige oder irrelevante Einflüsse die Entscheidung verändern können.

Nach der Abstimmung gab es die nächste Anomalie. Einige der FLUG-Menschen haben applaudiert, also gezeigt, dass ihnen das Ergebnis gefällt. Damit haben diese Personen ihr Wahlgeheimnis nicht gebraucht. Am augenscheinlichsten war Beate Treml, da ich mir von ihr niemals Applaus erwartete. Wie kann man Vorsitzende des Gleichbehandlungsausschusses der Bundes-ÖH sein und gleichzeitig dem chauvinistischen Antrag der Aktionsgemeinschaft applaudieren(und die FLUG ist aus einer Abspaltung zur AG entstanden und können aus diesen historischen Gründen überhaupt nicht miteinander). Ich verstehe es nicht! Mehr noch – es macht mich furchtbar wütend. Wenn man dem Antrag zustimmt und abwiegt – und glaubt, dass Frauen nicht systematisch benachteiligt werden – dann kann man ja dem Gegenantrag zustimmen. Aber wofür applaudieren? Was soll daran gut sein, wenn die ÖH keine fixe Position einnimmt. Gegen den Rektorinnenmangel ein Zeichen zu setzen, das war ihr wohl zu viel. Als Frau, die sich ja mit Benachteiligung auskennen sollte, hat sie einem anti-feministischen Ressentiment der konservativen Aktionsgemeinschaft unterstützt – wobei sie doch genau wissen müsste, dass die AG andere Ziele verfolgt. Wenn ich noch früher von ihr recht viel hielt, denke ich, dass sie nicht die richtige Person für den Gleichbehandlungsausschuss ist. Es gibt weder stichhaltige Argumente eine Quote zu verweigern, geschweige denn zwar Lippenbekenntnisse zur Gleichberechtigung abzugeben, aber dann konkret nichts dazu beizutragen.

Der Senat entschied dann überraschend, dass Christa Neuper und Martin Polaschek ex aequo auf Platz zwei des Dreiervorschlages gewählt wurden. Das bedeutet, dass Martin Polaschek vom Senat schon aus dem Rennen ist – denn wäre der erste ausgeschieden – dann müsste die GLEICHQUALIFIZIERTE Frau den Posten erhalten. Dies sollte auch der Uni-Rat bedenken. Und die Fachschaftslisten, die offensichtlich falsch in ihrer Annahme waren, dass beide Frauen nachweislich studierendenfeindlicher wären. Auf jeden Fall müssen sie sich jetzt zurücknehmen, denn sie haben ja nicht das nötige Einsichtsrecht, wie es der Uni—Rat hat – und im Senat und in der UV haben sie ihre Meinung abgegeben. Aber das sind wohl politische Kleinigkeiten, die ich selbst weiter durchdenken müsste. Ziel ist es, das Ergebnis darzulegen.

Was extrem wichtig ist: Die FLUG als Mitte-Fraktion hat sich gegen eine konkrete Gleichbehandlungsmaßnahme, die eigentlich nur eine Willensbekundung wäre. Sie hat sich der üblichen Argumente bedient, die dazu dienen Frauen zu diskriminieren und diese Diskriminierung zu rechtfertigen. Sie sind aber Studierende. Was ist jetzt mit der österreichischen Durchschnittsbevölkerung, wenn selbst die feministische FLUG-Frau Beate Treml bei einem AG-Antrag mitmacht. Da sieht es für den Feminismus in Österreich nicht gut aus. Das erklärt die 25% Gehaltsunterschied bei gleicher Qualifikation und gleichem Stundenausmaß. Wenn noch nicht einmal Studierende, die sich als geistige Elite sehen, ihre eigentlich anti-feministische Haltung erkennen und reflektieren. Ich denke, dass diese Haltung anti-feministisch ist, weil unterschiedliche Kriterien bei Mann und Frau angewendet werden, dass Qualifikationen subjektiv bewertet werden, dass auf kleine Nebenschauplätzen ausgewichen wird, und diskriminierende Gedanken so Tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind, dass man sie schwer selbst reflektieren kann und dass wir noch weit davon entfernt sind, die Fehlentscheidung für einen Mann gleich oft zu machen wie die Fehlentscheidung für eine Frau.

So wurden die Fachschaftslisten, die sich gern als pragmatisch-technokratisch über alles erhabene Mitte präsentieren, zur Steigbügelhalterin eines Männerbundes. Und zeigen damit wo Österreich in punkto Gleichberechtigung steht – in der Steinzeit. Der anti-femistische Konsens macht nicht vor der selbst-deklariertem Mitte halt, die in diesem Teilaspekt weit rechts ist. Das muss geändert werden.

Die Mitglieder der Asozialdemokratischen Partei bestehlen Bettler_innen

Im Krieg gegen die Armut, den die SPÖ ausgerufen hat, verhindert man schlimmste Armut, indem man den Menschen ihre letzte Einkommensmöglichkeit nimmt – womöglich sogar noch dem Gesetz widersprechend. Die SPÖ und ihre heiligen Würdenträger_innen halten das für eine gute Idee. Anstatt den Menschen Anreize zu setzen, sich in soziale Programme zu geben und sie selbst bei illegalem Aufenthalt ein würdiges Leben zu ermöglichen, wird einfach mit der Keule Nägel mit Köpfen gemacht. Resultat: Der SPÖ drescht mit nie geahnter Brutalität auf das schwächste Glied der Gesellschaft ein. Ich würde sogar so weit gehen, dass dies eine Form der Repression ist, womöglich sogar Staatsterrorismus – Denn wie sollen Menschen ohne Geld Strafen bezahlen? Wie sollen sie einer Deportation entgegenwirken können, wenn sie nichts dagegen machen können, außer zu fliehen? Weiterlesen…

Bourdieu, Giddens, Beck und der Neoliberalismus

Pierre Bourdieu, Soziologie und großartiger Intellektueller war eine herausragende Persönlichkeit. In einem Hundertseelendorf geboren, konnte er sich als Bauerssohn und Arbeiter_innenkind zu einem der bedeutensten Intellektuellen Frankreich hinaufarbeiten. Seine meistens empirisch angelegten Arbeiten haben vieles im Bildungssystem aufgeklärt. Sein kritischer Blick vermochte es, dass Bildungssystem als das zu entlarven was ist: Reproduktionsmaschinerie der Reichen und Wohlhabenden. Sein wichtigstes Werk war „Die feinen Unterschiede“, wo er neben der Klasse verschiedene Lebensstile herausdestillierte.

In diesem Blog-Eintrag soll es aber vor allem um seine politische Tätigkeit gehen. Der frühe Bourdieu hielt viel von der Werturteilsfreiheit und war hauptsächlich Wissenschaftler. Der späte Bourdieu politisierte sich – ausschlaggebender Grund war seine Studie „Das Elend der Welt“, eine Studie über den Verfall der Vororte, der Banlieues. Dabei sah er die verheerenden Folgen des Neoliberalismus und der parallele Verfall des Wohlfahrtsstaats. Bourdieu hatte zu dieser Zeit schon genügend Renomee, dass er sich politisieren konnte. Er war maßgeblich an der Kreation der globalisierungskritischen Attac beteiligt. Er verfasste zwei Bände Namens „Gegenfeuer“, die die neoliberale Hegemonie kritisierten.

So wurde Bourdieu zum Held der Linken. Dabei kritisierte er einen Soziologen, der seiner Meinung nach den Neoliberalismus bedienten. Dabei handelt es sich um Ulrich Beck, den Bourdieu das „Trojanisches Pferd des Neoliberalismus“(Gegenfeuer) bezeichnete. Das machte er deshalb, weil das Demokratie-Konzept von Beck, einen rationalen Menschen implizierte und dass es seines Erachtens unausweichlich wäre, dass der Sozialstaat schwächer werde. Seine Theorie, dass die Sozialdemokratie momentan so schwächele, weil sie so erfolgreich gewesen war vieles durchzusetzen: z.B. die 8-Stunden-Woche. Deswegen werde nun die Sozialdemokratie konservativ und muss ihre Errungenschaften verteidigen. Beck eignet sich aus diesem und einigen anderen Gründen hervorragend den Neoliberalismus zu huldigen.

Auch Anthony Giddens hat eine sehr ähnliche Theorie vertreten – er war der politische Ziehvater des Dritten Weges, der die europäische Sozialdemokratie aus der Krise hätte führen sollen. Nachdem die Sowjetunion zerbröselt war, schlitterte auch die Sozialdemokratie in die Krise. Fukuyama postulierte mit seinem Buch „Das Ende der Geschichte“, dass die Welt unweigerlich demokratisch und kapitalistisch werde. There is no alternative(TINA). Der Kommunismus ist gescheitert. Und nach Hajek ist soziale Gerechtigkeit das trojanische Pferd des (sozialistischen und kommunistischen) Totalitarismus. Deswegen versuchte Giddens (und viele Andere) ein Konzept zu finden, wie die Linke wieder an Reputation gewinnen konnte. Seine Sozialtheorie selbst hatte auch den dritten Weg zwischen Handlungstheorie und Strukturalismus gefunden – die Theorie der Strukurierung (Struktur entsteht, weil Handlungen sich wiederholen – Struktur existiert nicht als „soziale Tatsache“, sondern wird von Menschen aktiv aufrechterhalten). Wie auch Bourdieu hat sich auch Giddens später dem Politischen zugewannt.

Seine Lösung kann als weithin gescheitert gelten, aber anders als weithin angenommen, war sein Lösungsversuch nicht pragmatisch. Werner Faymann ist solch ein pragmatischer Politiker, ohne Konzept und Idee, anders als Gusenbauer, der ideologisch den dritten Weg gehen wollte. Der dritte Weg(neue Mitte, New Labour, etc.) war ein weiterer Versuch konservative und progressive Politik zu verbinden und das beste für alle Menschen herauszuholen. Dieses enorme Zugeständnis an die Konservativen, war auch ein Zugeständnis an den Neoliberalismus(die vorherrschende Ideologie der Konservativen). Damit war der Konsens zwischen Links und Rechts auch ein Konsens zum Neoliberalismus.

Bourdieu hat das erkannt und kritisiert. Das deswegen Giddens oder Beck keine oder schlechte Soziologen seien, stimmt bei weitem nicht. Bourdieu hätte viel von seiner Reputation verloren, hätte er gesagt, sie seien keine Soziologen. Beide, Giddens(Strukturierungstheorie, Machttheorie) und Beck(Modernisierungsforschung, Globalisierung) haben wichtige soziologische Beiträge geliefert und sind nicht umsonst sehr bekannt. Wobei bei Beck hinzugefügt werden muss, dass er der Wissenschaftler ist, der weniger geleistet hat. Was meistens jedoch von anderen Soziolog_innen kritisiert wird, ist, dass Beck und Giddens pseudowissenschaftlich arbeiten. Dem kann man aber so vorbehaltlos sicher nicht zustimmen. Vor allem weil auch das spätere Werk von Bourdieu auch nicht mehr allen wissenschaftlichen Standards entspricht. Aber das ist eben der Preis, wenn man sich politisiert – die wissenschaftliche Genauigkeit geht verloren, und man macht sich für schärfere Kritik verwundbar. Das haben alle drei Autoren gemein.

 

 

Batta – Anata wa yukkuri to seichō shinakereba naranai

バッタ、

あなたはゆっくりと成長しなければならない

 

Zeit inne zu halten, zu reflektieren, zu rekapitulieren und zu wissen, dass Zeit uns zerrt – immer der Achse entlang. Rekapitulation bedeutet, dass wir ein weiteres Mal vor dem unbeschreibbaren Monster Universität zitternd einklappen, weil – na was wohl – Geld fehlt. Ewige Leierei? Ein altes Instrument, das eine geringe Tonbandbreite abdeckt. Sie kann heute wie eine Vuvuzela gesehen werden. Die alte Leier ist selbst eine alte Leier. So ist das auch mit der Geschichte mit dem Geld. Alle wissen, alle rekapitulieren, alle reflektieren. Alle halten sich an der immer gleichen Meinung an. Abnutzungseffekte lassen uns still werden. Wir reiben unsere Meinung nicht aneinander um herauszufinden, welche widerstandsfähiger ist – wir widerstehen dem wiederkehrenden Widerstreben von Argumenten. Wir widerstreben aber auch wiederkehrend offensichtliche Fauxpas unserer Widerparts zu widerstehen, weil wir uns laufend selbst abnutzen. Ein Fauxpas ist eine Allegorie: Ein Pass einer Füchsin, die denkt, sie hatte eine gute Idee, die sich aber in schicksalhafter und zauberhafter Weise in eine schlechte verwandelt. Eine Allegorie ist etwas, das alle Kategorien einschließt. Also kein Neologismus. Ein Neologismus ist eine neue Form der dreiwertigen Logik: JA,NEIN und BI als neue Kategorie, die JA und NEIN zugleich ist aber auch zugleich nicht seiend ist. Logik ist, was in Alice im Wunderland bis zum Exzesse exerziert wurde. Ein Exzess ist eine über alle Maßen hinausschießende Entität. Entität ist eine aus der Ontologie verwendete Unterscheidung zwischen … hm… tja … Entitäten. Ontologie ist nicht Onkologie, aber eines ist nicht mein Hobby. Hobby ist ein Anglizismus und etwas, bei dem man glaubt, dass es nicht Arbeit ist. Onkologie ist … nachzuschlagen. STOP. Mein Wörterbuchvorrat und meine Bildung sind begrenzt, deswegen lasset Vuvus klingen und meine Blablas verstummen. Zeit, inne zu halten, zu reflektieren… STOP. Unis unterfinanziert STOP. Bildung braucht Zeit. PAUSE? Wäre schön, aber dann wäre Vorwärts Seitwärts und Rückwärts das neue Vorwärts. STOP.

 

Wie immer enthüllte universaldilettant@gmx.at Wahnsinn und Weisheit – willens, Wörter und Wünsche vor ihren Wirren abzuwehren

[Dieser Artikel ist in der Libelle 07 erschienen

 

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Einer muss es ja tun

Oktober 24, 2010 1 Kommentar

Über den Zustand der Sozialdemokratie im Allgemeinen, den Zustand des Verband Sozialistischer Student_innen auf der KF, fundamentale Denkfehler und die Schwierigkeit Selbstkritik zu üben. Ein längst fälliger Erfahrungsbericht zur Lage der akademischen Linken

Ja ich bin Mitglied des VSStÖ. Und ja, das bin ich gerne dabei und das mit vollem Einsatz. Dies ist meiner Meinung auch selbstverständlich, um politisch und gestalterisch tätig zu sein, aber einige Personen (meistens werden diese geringschätzig als Parteisoldat_innen bezeichnet) sind der Meinung, dass Mitgliedschaft mit Konformität einhergeht. Natürlich sind die meisten Menschen im VSStÖ der Meinung, im VSStÖ gäbe es keine Parteisoldat_innen: und natürlich sind auch in der SPÖ die meisten SPÖler_innen der Meinung es gäbe keine Parteisoldat_innen. Wenn dann gäbe es diese nur in anderen Verbänden. Aber natürlich gibt es sie in allen Verbänden. Es sind Menschen, denen der Verband wichtiger ist, als die Ideen die dahinterstehen. Wer Kritik daran übt, wird von diesen Parteisoldat_innen als Nestbeschmutzer und Staatsfeind gebrandmarkt. Gleiche Phänomene gibt es ja auch, wenn es um Debatten um den Staat Österreich geht. Weiterlesen…

4:3

Zu neuen Ufern eine neue Reise

möchten wir alle aufbrechen

nimm mit deine kleine Meise

damit kannst du in See stechen

Weiterlesen…

Internationale twodotoK

Weil uns das Sozi-Lied recht veraltet vorkommt, hier ein zeitgemäßerer Vorschlag.  Wer bessere Alternativen hat, bitte zeigen…

Wacht auf, Verstummte dieser Erde,

die stets man noch zum Kuscheln zwingt!

Das Recht wie Glut im Kraterherde

nun mit Macht zum Durchbruch dringt.

Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!

Heer der Sklaven, wache auf!

Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger

Alles zu werden, strömt zuhauf!

Völker, hört die Signale!

Das ist doch nicht gerecht!

Die Internationale

ersehnt das Menschenrecht.

Es rettet uns kein höh’res Wesen,

kein Gott, kein Kanzler noch Mogul

Uns aus dem Elend zu erlösen

können wir nur selber tun!*

Leeres Wort: des Armen Recht,

Leeres Wort: des Reichen Pflicht!

Unmündig nennt man uns und schlecht,

duldet den Hohn nun länger nicht!

Völker, hört die Signale!

Sie schallen derweil echt!

Die Internationale

erdenkt das Menschenrecht.

In Stadt und Land, ihr Arbeiter_innen,

wir, die stärkste Bewegung

lassen unsre Muße im Innren!

Diese Welt muss fairer sein;

Unser Herz sei nicht mehr der Raben,

Nicht der mächt’gen Geier Fraß!

Erst wenn wir sie vertrieben haben

dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlass!

Völker, hört die Signale!

Sie uns Gutes versprecht!

Die Internationale

erwirkt das Menschenrecht.

* – Alternativ: Reicht sogar bis Kabul!

Was hat sich die FPÖ bloß dabei gedacht?

Das ist wohl die Frage, die vielen Menschen durch den Kopf geistert, als unlängst die FPÖ-Plakate in Wien zu sehen wurden. Die irgendetwas mit Blut, Wien, Fremdes tut gut und Mut zusammengereimt haben. Genau kann ich mich nicht erinnern. Auf jeden Fall brandet der Empörungssturm durch die inländische Medienlandschaft. Verwüstungen sind bereits zu spüren. Die viel interessantere Frage wird aber eher selten gestellt: Was hat sich die FPÖ dabei gedacht? Dass sie mit einer direkten Verbindung zur „Blut und Boden(=Wien)“-Ideologie Stimmen gewinnen. Auch wenn Österreich vieles ist, aber derart konkrete Assoziationen zum Nationalsozialismus werden potentielle Wähler_innen wohl eher abschrecken.

Die FPÖ muss also einen anderen Gedanken dahinter gehabt haben, denn nur mit dieser Assoziation wäre dies wohl ein äußerst missglückter Versuch Wähler_innenstimmen zu lukrieren. Nur zu provozieren und zu hoffen, dass es viele Leute gibt, die trotz der ganzen Aufmachung die FPÖ wählen, kann zwar stimmen, ist aber meines Erachtens nicht die ganze Wahrheit. Dazu ist das Wort „Blut“ zu sehr vorbelastet. Natürlich war die Konnotation zum NS-Regime auch ein (geplanter) Grund und dort ist die FPÖ einmal zu loben: Als Linker muss ich sagen, dass die Strategie vieles hat, was anderen Parteien fehlt: Ein durchgehendes Branding, das sie konsequent durchsetzen, auch wenn sie andere kritisieren. Auch wenn sich kein_e vernünftige_r Politiker_in dorthin zu gehen traut: Sie wirkt authentisch und vor allem glaubwürdig. Aber was hat sich die FPÖ noch gedacht? Ich gehe davon aus, dass die FPÖ mehr ist als nur ein Nazi-Haufen, solche Unterstellungen wären plump und würden nicht den Kern der Sache treffen. Zweitens heizt dies nur die Anhänger_innen der FPÖ weiter an und ersetzt ein vereinfachtes Bild durch ein anderes.

Was hat es also genau mit „Blut“ an sich? Dort muss man in die „Praxis“ gehen, so in etwa zum roten Kreuz. Wenn man Menschen fragen würden, ob sie Blut von Muslim_innen nehmen würden, würden viele Verneinen. Blut ist nämlich etwas „körpereigenes“ und so würde vermutlich sich die Mehrzahl der Menschen grauen, wenn sie auf den Gedanken kämen, sie hätten „muslimisches Blut“ in sich. Hier gibt es starke Ethnisierungstendenzen, die natürlich völlig jeder Logik entbehren, denn „ihr“ Blut ist komplett gleich, wie „unser“ Blut. Trotzdem geht es bei Körperflüssigkeiten nicht um Logik, sondern einfach der Gedanke, dass Blut einem immer näher ist, als z.B. eine Nachbarin. Es ist genauer gesagt das Körpernächste. Hier findet also eine künstliche Biologisierung von (fast) Gleichem statt (alle Unterschiede sind im Bereich von Phänotypen z.B. bei Krankheitsanfälligkeiten wie Sicherzellenanämie oder beim HI-Virus zu finden).

Und da ist die FPÖ mit ihrem Blut-Slogan nicht auf dem falschen Weg, weil es, selbst wenn man den Spruch ekelerregend findet, sich genau auf diese biologische Ebene bezieht. Dass die FPÖ mit diesem Hintergedanken spielt, kann ja auch leicht nachvollzogen werden. Rechts rassistisch, und einer der ersten Gedanken ist (zumindest bei mir) die genannte „Blut und Boden“-Ideologie des NS-Regimes.

Eine Strategie als Nicht-FPÖler wäre es wohl, aufzuzeigen, wo solche Ideologien während des NS-Regimes hinführten. Aber hier schließt sich der Kreis: Die FPÖ verwendet Blut um die Fremden von den „echten Wiener_innen“ abzugrenzen. Also bevor man einfach den Spruch mit dem NS-Regime in Verbindung bringt(wobei es angebracht wäre), sollte man einen Nachteil bedenken: Leider verdeckt dieser Vergleich dieses zweite (und relevantere) Motiv der Biologisierung von Menschen, die in diesem blutigen Sinne definitiv gleich sind. Ich hoffe eine Antirassismusbehörde(o.Ä.) wird gegen dieses Plakat klagen. Ich hoffe auch, dass jede und jeder der sich betroffen fühlt, die Möglichkeit bekommt zu klagen. Damit die FPÖ finanziell ausgehungert wird. Um sie aber schon möglichst früh auszuhungern, darf sie auch nicht gewählt werden. Jede Stimme, die eine andere Partei bekommt, sind einige Cent weniger bei dieser offensichtlich säbelrasselnden Partei. Vielleicht macht sie ja irgendwann ernst mit ihren Forderungen und es das erste fließt Blut? Grüß Gott Uhrwerk!

Ein Gedankenexperiment zur Wissenschaftstheorie

Es gibt ja vieles über das man schreiben könnte, aber nur weniges, über das man immer schreiben könnte. Aber wie sieht das jetzt mit der Wissensaneignung aus? Einem geschriebenen Wort stehen zumeist mehrere gelesene Wörter gegenüber. Ein neoklassischer Ansatz wäre es, den Wert von Information kumulativ zu rechnen. Ich werde mich hier nur mit Büchern beschäftigen und lasse Musik, Bild bzw. Film und darstellende Kunst einmal außen vor. In meiner idealen Welt gibt es nur sechs Bücher, wovon aber in manchen Büchern Informationen doppelt sein können. Die Bücher heißen:

Weiterlesen…

Fraglos Zeitlos

Was sagt man, wenn alles gesagt wurde, wenn man alles weiß, wenn man die Welt versteht. Wird man dann politisch aktiv, um seine Erkenntnisse umzusetzen? Betreibt man Gesinnungsterror, oder versucht man Lücken zu stopfen? Hält man sein Wissen geheim, oder geht damit hausieren? Soll man Menschen desavouieren, die offensichtlich nicht diese Ebene der Erkenntnis erreicht hat? Wo ist das Ende, wo der Anfang von dem was tolerierbar wird? Weil alle es gemacht haben, ist das Zeichen, dass es gut ist? Was ist das korrekte Verhältnis von Gelehrsamkeit und Mitteilungsdrang? Werden die Fragen weniger, wenn man alles weiß, wenn alles gesagt wurde, oder beginnen dann erst die wirklichen Dilemmata? Wo ist das Ende des Wissens? Und wo, vor Allem, ist der Beginn meines Blogs? Wer bestimmt Wert und Unwert des publizierten – und in welcher Wertkonnotation wird es genutzt? Wie weit muss man Konsequenzen in Input und Output abschätzen können und ab wann endet der eigene Einfluss?

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